14.08.2025, Ankern vor Rørvig - Kerteminde
Eigentlich war geplant, dass wir unsere Älteste in Rørvig zum Bus bringen, doch sie bleibt gerne noch länger an Bord, so dass wir sie mit "rüber" (über den Samsø Bælt) nehmen nach Ballen und dann weiter nach Kerteminde, wo sie dann von Bord gehen wird. Da in nächster Zeit starker Westwind vorhergesagt ist, sehen wir uns gezwungen, heute einen großen Schlag von Rørvig nach Ballen zu machen. Das sind knapp 50 Seemeilen, die Windrichtung ist mit Südost dafür recht günstig. Allergings gibt es bei dieser Route etwas Wichtiges zu berücksichtigen! Hier kommt das Paar, dass in Gilleleje noch abends bei uns längsseits gegangen ist, ins Spiel (siehe Beitrag "Sommerurlaub 2025 – Kopenhagen!")! Sie gaben uns im Zuge unserer Unterhaltung den wichtigen Hinweis, dass wir auf unserer Route zurück Richtung Westen militärische Sperrgebiete zu berücksichtigen haben. Diese werden ab heute für alle Freizeitskipper eine Rolle spielen, da in Dänemark die Ferien zu Ende gegangen sind. Wir bekommen von den Beiden auch noch einen Tipp zur Verwendung der App "SejlSikkert", in der die Schießgebiete einschließlich Gültigkeitszeitraum angezeigt werden. Wir müssen heute lediglich das Schießgebiet um die Nordspitze von "Sjællands Odde" berücksichtigen, was einen Umweg von ca. 6 SM bedeutet. Wir sind sehr dankbar für diese Information! Wir ahnen zu dem jetzigen Zeitpunkt noch nicht, was uns dort wirklich erwartet!
Für unsere Verhältnisse brechen wir recht spät auf, erst gegen halb elf, und navigieren aus dem Isefjord. Wir überfahren die Flachs Richtung Nordwesten und laufen den nördlichsten Punkt des Schießgebietes um "Sjællands Odde" an. Nach ca. 2 Stunden kommt es dann zu einer äußerst skurrilen Begegnung: Wir sind mittlerweile nördlich von "Sjællands Odde", 5 SM vom Land weg. Steuerbord voraus sichten wir ein Militärschiff (siehe Bild). Es ist die "Hdms Iver Huitfeld“, eine Fregatte der Dänischen Marine zur Flugabwehr mit 6.645 Tonnen Verdrängung. Das Schiff ist geschätzt 1 SM von uns entfernt und befindet sich wenig später, gemäß AIS Signal, das wir auf unserem Plotter empfangen können, mit 9 Knoten im spitzen Winkel auf Kollisionskurs. Wir checken noch einmal unsere Position und vergewissern uns, dass wir AUSSERHALB des derzeit aktiven Schießgebietes sind! Wir setzen unseren Kurs, in Ermangelung sachdienlicher Hinweise, dass wir etwas falsch machen, fort. Wir sind heil froh, dass wir unsere Älteste Tochter dabei haben, da sie uns mit ihren Dänisch Kenntnissen eine große Hilfe ist. Wir beobachten das Militärschiff weiterhin auf dem Plotter, aber auch auf der App "Marinetraffic" und stellen fest, dass die "Hdms Iver Huitfeld“ den Kurs etwas südlich (also mehr auf uns zu) korrigiert und auf über 20 Knoten beschleunigt! Wir halten unseren Kurs, die Nervosität an Bord steigt. Es dauert nur wenige Minuten und das Militärschiff fährt in nicht geringem Abstand vor unserem Bug vorbei. Wir sind sehr erstaunt über dieses Manöver, wiegen uns nun aber in trügerischer Sicherheit. Aber weit gefehlt: Keine 300 Meter neben uns fährt dieses Ungetüm eine Wende mit über 7 Knoten und und steuert abermals auf uns zu, um mit über 10 Knoten unweit hinter unserem Heck vorbeizufahren. Am Heck der "Hdms Iver Huitfeld“ entsteht eine Welle, die uns gehörig Angst einjagt. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo wir das Gefühl haben, etwas falsch zu machen! Unsere Älteste greift zu ihrem Handy und wählt die in der App "SejlSikkert" angegebene Telefonnummer. Leider ohne Erfolg. Immer wieder versuchen wir anhand der App oder auch durch Recherche im Internet
herauszufinden, ob es weitere Informationen zu den militärischen Sperrgebieten gibt. Wir halten derweil an unserem Kurs fest. Die "Hdms Iver Huitfeld“ befindet sich achteraus an Steuerbord und führt plötzlich erneut eine Wende aus. Sie hat so viel Fahrt, dass sie sich um geschätzte 10 Grad nach außen neigt - mittlerweile richtig beängstigend! Jetzt spüre ich langsam in mir Wut aufkommen, was in dieser Situation wenig hilfreich ist. Aber die Verantwortlichen an Bord der "Hdms Iver Huitfeld“ müssen doch genau sehen können, dass wir vier Leute an Bord sind, einschließlich einem Kind. Denn der Stein des Anstoßes bei dieser Begegnung ist schließlich genau die schon fast als unverantwortlich zu bezeichnende Nähe beider Schiffe zueinander, insbesondere, wenn solche dynamischen Manöver durchgeführt werden. Wir fragen uns allen Ernstes, ob es sich hier um Schikane, einen schlechten Scherz oder um militärische Manöver handelt!
Abermals wendet die "Hdms Iver Huitfeld“ und zieht dieses Mal an Steuerbord an uns vorbei, um dann nach einer Wende Richtung Osten weiterzufahren. Wiederholt richten sich unsere Blicke nach achtern, in der Erwartung, dass das riesige Schiff erneut Kurs auf uns nimmt. Aber dieses Mal setzt die "Hdms Iver Huitfeld“ ihren Kurs, von uns aus gesehen achteraus, fort. Wir können kaum glaube, was gerade passiert ist. Ich speichere einen Screenshot der AIS-Aufzeichnungen der "Hdms Iver Huitfeld“. Merkwürdigerweise, ist das AIS-Signal direkt nach unserer Begegnung abgeschaltet (siehe Bild). Ich denke ernsthaft darüber nach, diesem Ereignis im Nachgang auf den Grund zu gehen. Haben wir etwas falsch gemacht, oder hat man sich einen Spaß erlaubt? Ich belasse es aber natürlich, wie es immer so ist, alleine bei dem Gedanken.
Als wir uns dann dem nördlichsten Punkt des Sperrgebietes nähern, ändern wir unseren Kurs Richtung Südost. Wieder wird es spannend, denn nun hören wir laute Schussgeräusche aus Richtung "Sjællands Odde", außerdem zwei Hubschrauber, die über den Wasserflächen des Sperrgebietes kreisen. Und, wir sehen zwei Segelboote, die offensichtlich KEINE Kenntnis über die militärischen Sperrgebiete haben, sie befinden sich mittendrin. Dann sehen wir ein größeres Schlauchboot aus dem Nichts von Westen auf eines der Segelboote zusteuern und dort längsseits gehen. Wenig später steuert das Schlauchboot das andere Segelboot an. Beide Segelboote ändern daraufhin ihren Kurs, um auf kürzestem Wege das Sperrgebiet zu verlassen.
Nebenbei sei noch angemerkt, dass wir die ganz Zeit mit zunehmender Welle zu tun haben. Der Wind hatte deutlich aufgefrischt und damit einhergehend auch die Welle. Wir lassen dann das Thema "militärische Sperrgebiete" im wahrsten Worte hinter uns. Sejrø ist mittlerweile an unserer Steuerbordseite. An Bord findet schon seit Stunden, auf Grund der irrwitzigen Schaukelei, nichts statt. Unsere "Kinder", Isabel ist ja schon 23 Jahre alt, sind absolut tapfer, kein Klagen, kein Murren! Ich bin nach meiner Erinnerung der Einzige an Bord, der seinem Unmut mit Hilfe verbaler Entgleisungen Platz macht. Schließlich liegt Ballen gute 6 Meilen vor uns, die Abendsonne ist herausgekommen, der Wind hat deutlich abgenommen. Wir stoppen auf, machen den Motor aus und nehmen ein kleines Bad mit 24 Metern unter dem Kiel. Als wir unsere Fahrt fortsetzen, macht Nicole noch schnell leckere Pasta mit Gemüse und Hähnchen, total lecker. Wir laufen dann gegen 20 Uhr gut gesättigt in den Hafen von Ballen auf Samsø ein. Natürlich ist der Hafen voll, außerdem sind einige Stege mit rot-weißem Flatterband gekennzeichnet, soll heißen "reserviert". Wir finden dann im nördlichen Teil des Hafens, hinter 4 Pfählen einen Platz. Dort schieben und ziehen wir uns hinein, unter Beobachtung zahlreicher Hafenkino-Liebhaber. Immerhin, gab es nach dem Manöver positive Reaktionen, sowohl von deutschen als auch dänischen Seeleuten.
Was für ein langer und ereignisreicher Tag mit fast 10 Stunden auf dem Wasser! Ein großes Lob an unsere beiden jungen Seeleute, die ein bemerkenswertes Durchhaltevermögen an den Tag legten. Und ein großes Dankeschön an unsere älteste Tochter Isabel, die uns als halbe Dänin mit Rat und Tat und ihrem positiven Denken in der zuvor geschilderten, prekären Situation zur Seite stand! Wir sind stolz auf Euch!
Eure Nicole und Pabu!