Rückführung 2020

04.09.2020, Fahrdorf - Ankern beim Olpenitzer Noor

Für diese Wochenende haben wir uns einiges Vorgenommen. Wir wollen versuchen, unsere Hanna von Fahrdorf nach Elmshorn, in unseren Heimathafen SVE, zu überführen. Da wir lange Törns geplant haben, haben wir auf die Tatkräftige Untersützung unseres Jüngsten verzichtet und lassen ihn einhüten. Wozu gibt es schließlich einen Schwager, größere Schwestern oder auch eine Omi?

Unser Abenteuer beginnt, so wie im letzen Jahr auch, mit der Reise per Deutscher Bahn, von Elmshorn nach Schleswig. Ich musste glücklicherweise längere Zeit nicht das "Angebot" der Bahn nutzen. Aber als wir an diesem Freitag Nachmittag am Bahnhof, an Gleis eins stehen, merke ich schon, es hat sich seit Monaten Nichts veränderte. Der Fahrkartenautomat ist dreckig und beschmiert - außerdem ultralangsam. Als der Zug mit der gewohnten Verspätung einfährt, werden wir dem üblichen Verwirrspiel der Bahn ausgesetzt. Da der Zug in Neumünster geteilt wird und ein Zugteil nach Flensburg und der andere Teil nach Kiel fährt, besteht die Herausforderung für die Bahn darin, den Fahrgästen die Richtige Zuordnung zu vermitteln. Ich zähle mal auf:

  • Auf der elektronischen Anzeige steht: Flensburg vorne, Kiel hinten - wir müssen also nach vorne!
  • Die Ansage am Bahnsteig lautet: Flensburg hinten, Kiel vorne - ahh, wir müssen also nach hinten!
  • Auf den Schildern an den Wagons steht: Flensburg vorne, Kiel hinten - ahh, wir müssen also nach vorne!
  • Durchsage im Zug: Flensburg vorne, Kiel hinten - ahh, die Wahrscheinlichkeit, dass vorne richtig ist, hat sich gerade erhöht!
  • Zugbegleitpersonal: Flensburg vorne, Kiel hinten! Cool, wir sitzen höchst wahrscheinlich richtig und müssen nicht beim nächsten Halt mit unseren Taschen nach hinten umziehen!

 

Absolute Gewissheit haben wir dann, als wir tatsächlich in Schleswig ankommen. Das traurige an dieser Posse ist, dass es letztes Jahr genau das Gleiche war!

In Schleswig nehmen dann ein Taxi, um nach Fahrdorf zu kommen. Wir zahlen einschließlich Trinkgeld 11 EURO; das ist erschwinglich.

Kaum sind wir auf unserem Schiff, legen wir auch schon innerhalb von 15 Minuten ab. Das Verstauen der Sachen bzw. Lebensmittel erledigen wir unterwegs. Ich habe dann noch die unangenehme Aufgabe, eines der vorderen Fächer der Bilge, in dem wir Bierdosen lagern, zu reinigen. Es sind insgesamt vier Dosen, deren Inhalt sich in die Bilge ergossen hat. Leider ist dies offensichtlich schon vor längerer Zeit passiert, denn der Gestank, der von dieser trüben, mit ekligen Flocken versetzen Brühe aufsteigt, ist enorm. Außerdem haben sich unzählige kleine Fliegen sowie kleine Larven angesiedelt. Die meisten der Fliegen begleiten uns dann leider auch bis zu unserem Heimathafen!

Es dämmert bereits, als wir am Olpenitzer Noor ankommen und vor Anker gehen. Nicole geht tatsächlich noch einmal baden - Respekt!

05.09.2020, Ankern beim Olpenitzer Noor - Gieselaukanal

Heute Morgen klingelt der Wecker sehr früh und wir legen gegen 7 Uhr ab. Der Wind kommt aus Südwest und nimmt schnell zu. Wir haben in Böen gute 6 Beaufort. Als wir die Eckernförder Bucht erreichen, kämpft sich unser Schiff durch die steile, ca. 1 Meter hohe Welle. Dazu gibt es wiederholt Regenschauer.

Als wir die Kieler Bucht erreichen, kommt kurz die Sonne durch. Auf der Kieler Förde ist richtig was los. Die Kieler Woche ist heute gestartet. Sie wurde coronabedingt auf September verschoben. Vor der Schleuse in Kiel-Holtenau müssen wir gar nicht lange warten. Wir hatten diesbezüglich nämlich schon die schlimmsten Befürchtungen, da ein Schleusentor am vergangenen Wochenende mal wieder von einem Frachter gerammt wurde. Glücklicherweise wurden die Arbeiten rechtzeitig, kurz vor unserer Rückführung, abgeschlossen.

Während der ca. halbstündigen Wartezeit lasse ich es mir nicht nehmen, kurz in die Ostsee zu springen - schließlich will ich gegenüber Nicole, die sich gestern Abend noch tollkühn in die Schlei gestürzt hatte, nicht als Verlierer dastehen. Es wird ein ebenso kaltes wie kurzes Badevergnügen.

Wir schleusen zusammen mit zwei sehr unterschiedlichen Vertreten der Berufsschifffahrt, allerdings mit gleichem Schiffsnamen: Beide heißen "Freya" (siehe Bild).

Unser nächster Stopp ist dann der Gieselaukanal. Nachdem wir uns mit Vor- und achterleine sowie Vor- und Achterspring festgebunden haben, (dieses Mal aber gleich vorne am Steg, und nicht wie letztes Jahr, ganz bei der Schleuse, wo der Badewanneneffekt besonders ausgeprägt ist - Link zum Beitrag), schwoit unser Schiff immer wieder vor und zurück . Total nervig, zumal das Ganze von lautem Geknarze begleitet wird. Das Beste daran ist, dass ich zunächst nicht feststellen kann, woran das eigentlich liegt - es ist gar kein Wind und absolute Windstille (siehe Bild). Ich nehme schließlich die Vor- und Achterspring weg und verlängere jeweils die Vor- und Achterleine. Damit ist dann Ruhe. Mittlerweile glaube ich zu verstehen, was die Ursache für die Schiffsbewegungen war: Im Gieselaukanal schwankt der Wasserstand aufgrund der Schifffahrt auf dem NOK. Die damit einhergehende Strömung ist nur sehr gering und schwer zu erkennen. Beim Fallen des Wasserstandes gab es Zug auf die Vor- oder Achterspring, so dass in dessen Folge das Schiff hin und her bewegt wurde. Wie auch immer, das Ergebnis meiner "Leinenarbeit" war eine sehr ruhige Nacht.

06.09.2020, Gieselaukanal - SVE

Am nächsten Morgen klingelt wieder früh der Wecker. Als wir gegen 7 Uhr auf den NOK fahren, scheint noch leicht die Sonne. Im Verlaufe der Fahrt auf dem Kanal gibt es dann immer wieder, teils sehr heftige, Regenschauer. Aber auch tolle Farben und einen Regenbogen wie gemahlt!

Als wir Hochdonn erreichen, ich hatte gerade die Pinne an Nicole abgegeben, kommt es zu einem Ereignis, das uns das Blut in unseren Adern gefrieren lässt: Ich bin gerade unter Deck, als unser Schiff eine sehr heftige Kursänderung nach Steuerbord erfährt. Das ist auf dem Kanal sehr unüblich, da man als Schiffsführer, auf Grund des regen Schiffsverkehrs der Berufsschifffahrt, verständlicherweise dazu verpflichtet ist, seinen Kurs zu halten. Zumal wegen des Rechtsfahrgebotes, nach Steuerbord zum Ufer hin wenig Platz ist. Ich reiße die Tür zu unserem Bad auf und hechte zum Niedergang. Was ich sehe, lässt mir vor Schrecke den Atem stocken: Nur wenige Meter von unserm Bug entfernt nähert sich mit voller Fahrt auf unserer Backbordseite die Kanalfähre "Hochdonn"! Nicole führt geistesgegenwärtig das sogenannte "Manöver des letzten Augenblicks" aus. Hätte sie das nicht geschafft, wäre es zur Kollision gekommen! Wir hatten 5,8 Knoten Fahrt - die Fähre bestimmt auch 5 Knoten. Ich wage die Einschätzung, dass die Kollision mit einem Totalverlust unseres Schiffes einhergegangen wäre (im übrigen haben wie das "Manöver des letzten Augenblicks" auch mitgetrackt - siehe Trackfile rechts - sieht ganz lustig aus!). Es dauert, bis wir diesen Schreck halbwegs verarbeitet haben. Unsere Recherche im Internet ergibt, dass es mit genau dieser Fähre ("Hochdonn") am 08.05.2020 zu einer Kollision mit einem Küstenmotorschiff gekommen ist.

Wir setzen unsere Fahrt dann unverrichteter Dinge fort und kommen zur Fährlinie bei Burg. Hier werden wir dann Zeuge eines sehr außergewöhnlichen Manövers: Als die Fähre hinter uns den Kanal passiert, dreht diese sich pirouettenartig, zweimal um ihre eigene Achse, dazu gibt es ein akustisches Signal 1 x lang. Was soll das? Stand das im Zusammenhang mit dem Vorfall von eben? Wie wir im Nachgang erfahren, handelte es sich dabei wohl tatsächlich um ein "Entschuldigungsmanöver". Die Kapitäne stehen nämlich im Kontakt untereinander, so dass der Kapitän der Unglücksfähre seinen Kollegen gebeten hat, dieses Manöver führ ihn auszuführen.

Gegen Mittag erreichen wir dann Brunsbüttel, wo wir eigentlich tanken wollen - wie gesagt: "eigentlich"! Wir machen an dem Steg, an dem auch schon ein großer Katamaran festgemacht hat, fest. Der Skipper vom Katamaran kommt zu uns rüber und teilt uns mit, dass er, sowie bereits zwei andere Segler, versucht haben, hier Diesel zu tanken. Es ist aber kein Personal zugegen, obwohl dies gemäß deklarierter Öffnungszeiten der Fall sein sollte. Ich besteige die Anlage und nehme den altmodischen Telefonhörer, der zur Benutzung an der Wand hängt und wähle, wie ausgeschildert, die "11". Es nimmt leider keiner ab. Wir geben auf und legen ab, um zur Schleuse zu fahren. Wir müssen nicht lange warten und dürfen dann in die Schleuse fahren. Auf der Elbe werden wir von Sonnenstrahlen und ordentlich Welle begrüßt. Wir hissen die Segel und drehen ab, mit Kurs Krückaumündung. Leider ist das Intermezzo mit der Sonne nur von kurzer Dauer. Was folgt, ist Dauerregen (eher Dauerschauer), begleitet von krassen Winddrehern und kurzen Gewittern. Ich stehe in Vollmontur an der Pinne - leider barfuß, da ich törichterweise dachte, dass es nur ein kurzer Schauer wird. Die monströsen Containerschiffe lösen krasse Heckwellen aus, die so manch kleinerem Schiff wohl schon zu einem echten Problem werden könnten.

Was ich immer wieder beängstigend finde ist, mit anzusehen, mit welcher Ausdauer und Emsigkeit an der x-ten Elbvertiefung gearbeitet wird. Es sind Schaaren von gigantischen Baggerschiffen unterwegs die 24 Stunden, 7 Tage die Woche baggern und baggern. Die Elbe wird immer schneller und die Tonnen hinterlassen enorme "Heckwellen" in der mächtigen Strömung - einfach nur beängstigend!  Ich frage mich, welche Generation übernimmt endlich die Verantwortung und duldet, der nicht zu stillenden Gier des nach Profit strebenden Menschen zum Trotze,  keine weitere Zerstörung dieser wichtigen und schönen Lebensader!

Auf der Krückau kommt glücklicherweise wieder die Sonne durch. So macht es einfach mehr Spaß. Um auf unseren Platz zu kommen, müssen wir diesen erst einmal von dem sich angesammelten Schlick freispülen. Als wir dann schließlich fest vertäut haben, fällt eine gewisse Last von unseren Schultern. Wir sind froh, dass wir unserer Hanna jetzt wieder im SVE haben und dass wir die Rückführung an einem Wochenende geschafft haben.





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